Sonntag, 15. November 2009
Adieu Foucaulista
Das Alte ist tot, das Neue ist da. Adieu Foucaulista, bienvenue Belin.
Dienstag, 5. Mai 2009
Michel Foucault, Diskurs, Macht und Disziplinierung
Diskurs. Def: (Wikipedia)
Foucault meint mit Diskurs das in der Sprache aufscheinende Verständnis von Wirklichkeit einer jeweiligen Epoche. Die Regeln des Diskurses definieren für einen bestimmten Zusammenhang, oder ein bestimmtes Wissensgebiet, was sagbar ist, was gesagt werden soll, was nicht gesagt werden darf, und von wem es wann in welcher Form gesagt werden darf (z.B. nur in Form einer wissenschaftlichen Aussage). Die so genannte "diskursive Praxis" setzt sich zusammen aus sprachlichen Aspekten (dem Diskurs) und nichtsprachlichen Aspekten (z.B. Institutionen oder Architektur).
Beispiel: Der Begriff "Ausländerflut" ist eine Konstante im "Immigrations-Diskurs" in Deutschland, ein Begriff, der impliziert, Immigranten träten in "Fluten" und damit z. B. als Naturphänomen und Naturkatastrophe auf. In der Analyse des Diskurses zeigt sich, in welcher Weise wir über die Welt nachdenken – in diesem Fall über das als Immigration problematisierte Phänomen der Überschreitung von Grenzen. Wenn Einwanderung häufig in Verbindung mit Flut in unserem Denken und Reden auftaucht, so beeinflusst das unser Denken und Verhalten.
In diesem Zusammenhang heißt dann "Diskurs" nicht mehr nur "Diskussion", sondern eher so etwas wie "sprachlich produzierter Sinnzusammenhang, der eine bestimmte Vorstellung forciert, die wiederum bestimmte Machtstrukturen und Interessen gleichzeitig zur Grundlage hat und erzeugt".
Macht – Wissen – Subjekt – Schema
Macht Subjekt: Herstellung von Subjekten durch bestimmte Machtverhältnisse (Unser Konzept von Subjekt wird nicht als etwas schon Gegebenes verstanden, sondern als etwas, was erst ab dem 18. Jahrhundert mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft aufkommt.)
Wissen Subjekt: Durch unterschiedliche Diskurse (aus (natur)wissenschaftlichen Bereichen, wie auch in den Humanwissenschaften) wird Wissen bzw. Wahrheiten über Subjekte produziert.
Wissen Macht: Wie wird Wissen (inner- und ausserhalb der Wissenschaft) für Machttechniken verwendet?
Politik der Wahrheit
Foucault entwirft keine allgemeine Gesellschaftstheorie, vielmehr analysiert er Diskurse in Bezug auf ihre Wahrheitsproduktion (nach Foucault wird Wahrheit hergestellt und nicht erkannt). Der Kriminalitätsdiskurs z.B. bringt erstens hervor, was heute (also in unserer gesellschaftlichen, kulturellen und historischen Situation) den Kriminellen ausmacht und zweitens, was davon abweicht bzw. die Norm. Wahrheit wird produziert und dann in verschiedensten Bereichen instrumentalisiert, z.B. in der Politik.
Fragestellungen
Foucault untersucht die Herstellungen eines Raums des Sag-, Denk- und Sichtbaren. Er fragt,
(1)Wie wird etwas zum Objekt eines Diskurses? (Objektivierung)
(2)Wie wird ein Subjekt zum Objekt eines Diskurses? (Subjektivierung) Wir entsteht z.B. ein Diskurs über die Position des Arztes oder des Patienten.
(3)Wie wird ein Subjekt zum Objekt seines Selbst? Wie kontrolliert und steuern sich Subjekte selbst?
Archäologie des Wissens: Diskurse:
Foucault schlägt hier einen neuen Weg ein. Er möchte den Raum als einen Gegenstand der Geschichte analysieren. Da es über den Raum aber keine Dokumente gibt wie dies z.B. bei Schlachten und Kriegen der Fall ist, ist der Raum kein Gegenstand für den Historiker, sondern für den Archäologen, der sich eine bestimmte Räumlichkeit aus den Überresten erschliesst. Damit sind nicht Ruinen, o.ä. gemeint, Raum meint hier z.B. Gefängnis- oder Schulreglemente, Theorien über Kriminelle bzw. Schüler oder Architektur. Durch die Erweiterung des Raumbegriffs ist es möglich, Machtverhältnisse in einen bestimmten Raum zu rekonstruieren. So können auch Machtstrukturen analysiert werden, also Gesetzeserlass, -anwendung oder Vorschriften zur Lebensführung. Nicht aber um dadurch nachzuvollziehen, wie die Menschen in einer bestimmten Zeit gelebt haben, sondern, wie die Struktur ihrer Handlungsfelder aufgebaut war.
Diskurse sind nicht auf Sprache reduzierbar, Diskurse beeinflussen bzw. steuern unseren Blick auf etwas. Z.B. verändert sich der Blick des Arztes auf seinen Patienten je nach Art des Diskurses über Ärzte und/oder Patienten.
Diskurse dienen nicht der normativen Begründung von Theorie
Regelmässigkeiten im Diskurs vs. Regeln
Subjektpositionen (Arzt, Patient…)
Objektformation (Kriminalität, Gesundheit…)
„An sich“ hat nichts eine Bedeutung, die Diskurse produzieren die Bedeutung.
- Monument vs. Dokument (ist oben unter Archäologie des Raumes schon erklärt, Monument würde ich im Gegensatz zu Dokument als etwas Gegenständliches verstehen, was nicht erst aus verschiedenen „Indizien“ rekonstruiert werden muss wie z.B. der Raum in foucaultischem Sinn (Dokument). Versteht ihr das auch so?
Geneaologie: Analytik der Macht
Ziel: „Akzeptabilitätsbedingungen eines Systems herausarbeiten und Bruchlinien seines Auftretens verfolgen.“ (Foucault, Subversion des Wissens, S.35)
Akzeptabilitätsbedingungen meint in diesem Zusammenhang, dass das in Diskursen erzeugte Wissen darum bemüht ist, angenommen bzw. akzeptiert zu werden. Foucault steht dem Begriff der Entwicklung in der Diskursthematik kritisch gegenüber, er versteht in diesem Sinne Entwicklung nicht als etwas Kontinuierliches bzw. als eine Fortsetzung, sondern die Entwicklung bestimmter Diskurse ist durch historische Brüche analysierbar.
Historische Analyse von Kräfteverhältnissen: Analyse von Veränderungen in den Diskursen durch soziale Kämpfe um Definitionen.
Kritik kausaler Erklärungen > Möglichkeitsbedingungen: Foucault untersucht nicht, die Gründe für bestimmte Diskurse, sondern wie es möglich ist, dass auf eine bestimmte Art über etwas gedacht wird.
Sichtbarmachen von Heterogenität: „Wesen (ist) Stück für Stück aus Figuren, die ihm fremd waren, aufgebaut worden.“ (ebd., S.71) Diskurse sind nicht homogen!
Mikrokämpfe bezeichnen Kämpfe um beispielsweise Erneuerungen oder Beibehaltung von z.B. Schul- oder Haftreglementen.
Macht
Mikromacht vs. Souveräne Macht
Eine souveräne Macht bezeichnet einen Inhaber der Macht, beispielsweise einen König, Diktatoren oder den Staat. Eine Gegenmacht innerhalb der souveränen Macht würde Bürgerkrieg bedeuten.
Die Mikro-Macht ist als ein Netzwerk über ein Gebiet zu verstehen, eine Art der Organisation, die nicht an einer Institution oder einem Souverän festzumachen ist (=dezentral).
Die Mikro-Macht ist als eine Entwicklung zu verstehen und nicht als etwas Intentionales, was von jemandem explizit initiiert wurde (=nicht-intentional)
Subjektivierung meint hier die Herstellung von produktiven Subjekten, die sich selbst gemäss der Norm steuern und kontrollieren. Hier wird die Doppellogik des Subjekts sichtbar: Es ist immer ein sich unterwerfendes Individuum und gleichzeitig eines, das handlungsfähig ist. Die Mikro-Macht ist produktiv, nicht repressiv.
Mikro-Macht ist normalisierend und normierend durch gewisse Normalisierungs-techniken (z.B. Statistik, Durchschnittswert=Normalität)
Materialität von Macht: Mit diesem Begriff soll darauf hingewiesen werden, dass Macht sich auch materiell manifestiert z.B. in Form von Architektur (denke an Panopticon), einer bestimmten Anordnung von Körpern in Institutionen wie Schule, Gefängnis usw.
Verbindung von Macht und Wissen (=Macht-Wissens-Nexus): Bsp: Wir haben Prüfungen an der Uni. Unsere Ergebnisse sind Daten anhand derer ein Durschnitts-notenwert erzeugt werden kann (z.B. für eine Analyse der Leistungen an der Uni Basel) aus den Ergebnissen können neue Machttechniken entstehen z.B. zur Optimierung der Leistungen an Prüfungen. In foucaultischem Sinne ist kein Wissen unschuldig.
Machttypen
I. Disziplinarmacht (Überwachen und Strafen)
öffentliches Spektakel vs. Verborgene Mechanismen: Ein öffentliches Folterspektakel wäre Ausdruck einer nur souveränen Machtform, der Sinn des Spektakels liegt in der Rache und der Abschreckung. Die Disziplinarmacht ist perfider, weil sie dezentral ist und die Reglemente unscheinbar sind. Denn das Ziel der Strafe ist nicht Rache, sondern die Selbstdisziplin und Selbstkontrolle der Insassen bzw. ihre Resozialisation.
Brutaler Körperbezug vs. Subtiler Körperbezug: Das Folterspektakel dient der Rache (brutal), der subtile Körperbezug der Disziplinarmacht meint, dass z.B. Gefängnisreglemente die Zeit (=Tagesablauf) und die Körper reguliert, um die Effizienz und Produktivität der Individuen zu steigern.
- Normalisierung meint die Entwicklung von Vergleichstechniken (z.B. Statistik) die eine Norm herstellen, an der man sich dann orientiert.
Materialität von Macht (Beispiel Panopticon) u. Machteffekte des Panopticons
Dezentrale Verteilung der Macht: Das Zentrum der Macht ist nicht auf ein bestimmtes Subjekt geschrieben. In der Mitte steht ein Überwachungsturm, Gefängniszellen sind um diesen herum angeordnet. Die Macht liegt in der Architektur des Panopticons.
Permanenz: Der Turm ist immer da, die Gefangenen fühlen sich permanent beobachtet. Jede Zelle ist vom Turm aus zu beobachten, die Insassen sehen aber nicht in den Turm hinein bzw. sehen sie nicht, ob jemand drin ist oder nicht. Insassen müssen davon ausgehen, dass immer jemand im Turm ist, d.h., Insassen halten sich an die Regeln in dem sie den Blick des Überwachers internalisieren und anfangen, sich selbst zu kontrollieren Der Gefangene unterwirft sich dem Reglement und wird zum handlungsfähigen Subjekt. Es entstehen Subjekte, die sich selbst überwachen. In diesem Sinne ist hier der Turm die Macht, wer darin sitzt oder nicht spielt keine Rolle.
Sichtbarkeit: Durch diese Machttechnik wird der Gefangene sichtbar gemacht, der Überwacher unsichtbar. Weitere Formen der Individuumsherstellung wären z.B. ein Geständnis oder ein Gespräch mit dem Gerichtspsychiater.
Die Anordnung der Zellen trennt die Gefangenen, kein Kontakt.
II. Gouvernementalität
Der Gegenstand der Gouvernementalität ist die Population/Bevölkerung. Durch diese Machtform ist es möglich, eine Bevölkerung zu kontrollieren und zu regulieren. Durch Marktforschung (politische Ökonomie) oder Statistik z.B., können Durchschnittwerte erzeugt werden, aus welchen die Norm hervorgeht.
Es geht darum, die Bevölkerung zu schützen bzw. die Wohlfahrt zu steigern. Diese Macht verspricht Sicherheit, gleichzeitig impliziert sie neue Machttechniken. Foucault beschreibt Gouvernementalität wie folgt: „Das Ensemble, das von den Institutionen, Verfahren, Analysen und Reflexionen, Kalkülen und Taktiken gebildet wird, die es erlauben, diese sehr spezifische und zugleich sehr komplexe Form der Macht auszuüben, die die Bevölkerung als Zielscheibe hat, als hauptsächliche Form des Wissens die politische Ökonomie und als wesentliche technische Instrumente die Dispositive der Sicherheit.“ (Foucault, Governmentality, S.102f.,Herv. US)
Ein Dispositiv im foucaultischen Sinn meint das Zusammenwirken verschiedener diskursiver Praktiken. Beispiel Sicherheitsdispositiv: Das Zusammenwirken diskursiver Praktiken zum Thema Hygiene zum Schutz der Bevölkerung gegen z.B. Krankheit. Ein zweites Beispiel wäre Zwangsimpfung an Schulen. Terrordispositiv: Die diskursiven Praktiken zum Thema Terror (mit Ziel der Sicherung der Gesellschaft) beeinflussen die Haltung gegenüber Terror und Terroristen. Sexualdispositiv: Bindeglied zwischen Disziplinierung und Gouvernementalität. Durch die Herstellung von allgemeinem Wissen über Sex (durch Disziplinierungsformen) entstehen Regeln für Sex, Normalitätsvorstellungen und somit Wahrheiten über Sex.
Regierung der Regierung: Meint in diesem Zusammenhang eine Anleitung zur Selbstkontrolle. Der Neoliberalismus ist für Foucault die typischste Form von Subjektherstellung (diese Subjekte regieren/kontrollieren sich dann selbst „Unternehmer seiner Selbst“)
Widerstand gegen Theorie?
Analytik des Wissens: Foucault ist ein Skeptiker von grossen Theorien, er ist kein Theoretiker, sondern ein Analytiker von Wissen und Macht.
Begriffliche Interventionen („der maskierte Philosoph“): Wortschöpfung als Intervention in bestimmtem Diskurs.
Verzicht auf theoretische Systeme: Foucault fügt seine Analytik in kein grösseres, theoretisches System.
UniBas: "Männlichkeitsforschung" bei Dr. Prof. Andrea Maihofer
Zur Entstehung der Frauenforschung
In den 60er Jahren sind Frauen in der Gesellschaft und in der Wissenschaft gegenüber den Männern noch immer benachteiligt. Noch immer wird den Frauen ein Platz in der Familie und den Männern ein Platz in der Arbeitswelt zugewiesen. In der Wissenschaft dominieren die Männer, was dazu führt, dass über den Alltag, das Handeln oder das Leben von Frauen in der Geschichte relativ wenig bekannt ist bzw. erforscht wurde. Die Geschichtsbücher schweigen sich über die Frauen aus. Es scheint, als hätte es in der Menschheitsgeschichte fast gar keine Künstlerinnen, Schriftstellerinnen oder Musikerinnen gegeben. Der Blick der Wissenschaften, insbesondere der Geschichtswissenschaften, ist eindeutig männlich.
Durch die fortwährende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und durch die daraus resultierende Diskriminierung von Frauen, kommt es Ende der 60er Jahre zur Frauenbewegung, welche den Weg für die Frauenforschung ebnet. Zunächst ist die Frauenforschung eine Forschung von Frauen, über Frauen, für Frauen. Ziel war es, die patriarchale Gesellschaftsstruktur offen zu legen, um die Diskriminierung von Frauen deutlich zu machen und Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern einzufordern. Historisch ist die Frauenforschung die erste Forschung, welche sich „Geschlecht“ zu ihrem Forschungsgegenstand macht. Ein kleiner Schritt mit grossen Folgen.
Zur Entstehung der Geschlechterverhältnisforschung
In den 80er Jahren entsteht aus der Frauenforschung heraus die Geschlechter-verhältnisforschung. Obwohl diese Forschung noch immer ausschliesslich von Frauen betrieben wird, verändert sich jedoch die Perspektive. Thema sind nun nicht mehr „nur“ die Frauen, sondern die Geschlechterverhältnisse, bzw. die unterschiedlichen Lebensarten und Alltagspraxen von Männern und Frauen. Z.B. wurde in der Geschlechterverhältnisforschung aufgezeigt, dass Frauen und Männer im Mittelalter zwar beide hart arbeiten mussten, den Frauen im Gegensatz zu den Männern aber keine Freizeit zugesprochen wurde. Die Männer sassen nach der Arbeit noch in der Kneipe oder waren politisch aktiv, während die Frauen noch immer schufteten.
Zur Entstehung der Männlichkeitsforschung
Ende der 80er Jahre entsteht auch die Männerforschung. Natürlich handelt es sich dabei zunächst um eine Forschung von Männern, über Männer, für Männer. Ausgangspunkt ist aber nicht wie bei der Entstehung der Frauenforschung die Diskriminierung durch das andere Geschlecht, sondern die zunehmend problematische, von der Gesellschaft aufgezwungene Rolle von Männern. Männlichkeit wird in diesem Sinne als das Ergebnis eines bestimmten Disziplinierungprozesses verstanden. Es geht um die kritische Reflexion des herrschenden Männlichkeitsdiskurses, auch im Zusammenhang mit einer offensichtlichen, wie auch latenten Homophobie in der Gesellschaft. Denn so wie der Weiblichkeitsdiskurs, als auch der Männlichkeitsdiskurs sind eindeutig heteronormativ.
Dennoch bleibt die Männer- oder Männlichkeitsforschung zunächst von der Geschlechterver-
hältnisforschung unbeachtet.
Zur Entstehung der Geschlechterforschung
In den 90er Jahren entsteht in einem weiteren Schritt die Geschlechterforschung, welche nun beide Geschlechterperspektiven in ihre Forschung integriert und somit Geschlecht und Geschlechtlichkeit an sich zu ihrem Forschungsgegenstand macht. Beginnt die Dekonstruktion von Geschlecht erst mit der Entstehung der Gender Studies in den 90er Jahren? Ich finde dies einen wichtigen Schritt, es bleibt für mich aber die Frage, ob nicht alle Blicke auf ein bestimmtes Thema sozialisierte, disziplinierte Blicke sind…
Wichtige Erkenntnisse der Männerforschung
Die erste, wichtige Erkenntnis der Männerforschung ist, dass es angesichts der jahrelangen Dominanz der Männer in allen Bereichen der Wissenschaften, erstaunt, dass fast kein Wissen über das Denken, Fühlen und Handeln von Männern produziert worden ist. Dies führt zu einem Mangel an Wissen über Männer, Männlichkeit und Männerleben. Doch um welches „Wissen“ handelt es sich hier? Geht es darum herauszufinden, welche Männlichkeitsdefinitionen herrschend waren und somit den Inhalt von „Männlichkeit“ bestimmten, oder darum, wie Männer gedacht, gefühlt und gelebt haben? Sind diese beiden Fragen überhaupt voneinander trennbar?
Eine weitere, wichtige Erkenntnis der Männlichkeitsforschung besteht in der Einsicht, dass mit der häufigen Gleichsetzung von Mann und Mensch nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer hinter dieser Gleichung verschwinden. Wenn dem so ist, warum hat man dann das Ganze nicht „rückübersetzt“, in dem man davon ausging, dass mit dem was über den Menschen geschrieben worden war, eigentlich die Männer gemeint waren?
Eine dritte, zentrale Erkenntnis der Männerforschung ist die Einsicht, dass nicht nur Frauen, sondern auch gewisse Männer durch ein patriarchales Gesellschaftssystem diskriminiert werden. Das Patriarchat richtet sich genauso gegen Männer anderer Schichten und Ethnien, was zu einer Hierarchisierung unter den Männern selbst führt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Homophobie. Connell spricht in diesem Zusammenhang von „hegemonialer Männlichkeit“. Mit „richtigen Männern“ sind vor allem die bürgerlichen Männer gemeint, nicht aber Homosexuelle, Feudale, Proletarier oder Bauern, gegen die sich das ab dem 18. Jahrhundert entstandene, bürgerliche Männlichkeitsbild richtet.
Eine letzte, grundlegende Erkenntnis der Männerforschung ist, dass auch Männer ein Geschlecht haben. Auch Männer haben die Aufgabe, zu Männern zu werden. Sie sind also, genau wie die Frauen, Sozialisations- und Disziplinierungsprozessen unterworfen. Anders als die Frauen, müssen die Männer ihre Männlichkeit täglich aufs Neue erschaffen und unter Beweis stellen, ansonsten droht ihnen der Verlust ihrer Männlichkeit und somit ihr gesellschaftlicher Untergang. Die Männerforschung erkennt, dass auch Männlichkeit ein soziales, kulturelles und soziales Phänomen ist, dessen Definition von den herrschenden Diskursen über Männlichkeit abhängt. In diesem Sinne ist Männlichkeit natürlich kein Ausdruck eines biologischen Geschlechts, sondern ein Produkt des herrschenden Diskurses über Männlichkeit.
Aktuelle Themen der Männerforschung sind Probleme von Männern aufgrund ihrer Sozialisation. Das Risikoverhalten von Männern im Strassenverkehr oder Probleme mit Gewalt unter Männern an Schulen werden nicht mehr auf die Biologie, sondern auf die Sozialisation zurückgeführt. Das frühere Ableben der Männer im Gegensatz zu den Frauen, wird auf Stress im Beruf und nicht auf ihre biologischen Voraussetzungen zurückgeführt.
Zurzeit ist eine Verunsicherung bezüglich der Definition von Männlichkeit festzustellen und immer mehr Männer haben innere Widersprüche, da sie sich als Männer eigentlich für ihre Familie und deren Unterhalt per Definition (von Mannsein) verantwortlich fühlen, sich gleichzeitig aber mehr Zeit für die Partnerin und die Kinder nehmen wollen.
UniBas: "Männlichkeitsforschung" bei Dr. Prof. Andrea Maihofer
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Männlichkeitsforschung besteht in der Einsicht, dass unsere Vorstellung von Männlichkeit kein Ausdruck eines biologischen Geschlechtes ist, sondern ein kulturell, sozial und historisch hergestelltes Phänomen darstellt. Da Männlichkeit also kein Ausdruck des biologischen Geschlechts ist, könnte sie auch anders definiert werden bzw. ist die Vorstellung von Männlichkeit wandelbar. Unsere Definition von Männlichkeit ist somit das Ergebnis gesellschaftlicher, historischer und individueller Konstruktionsprozesse. Durch historische Analysen wird deutlich, dass sich die (heutige) Vorstellung von Männlichkeit im Zuge der bürgerlichen Aufklärung, der Industrialisierung bzw. der kapitalistischen Produktionsweise im 18. Jahrhundert etabliert. Diese Entwicklungen gehen einher mit gesellschaftlichen Prozessen, die zu Veränderungen in Rechtstexten, politischen Bereichen und im Diskurs über Männlichkeit führen.
Mit der bürgerlichen Aufklärung im 18. Jahrhundert wird die theologische Weltvorstellung durch eine rationale Weltanschauung abgelöst. Gesellschaftliches wird nicht mehr durch Gott, sondern durch das Handeln und Denken von den Menschen (den Männern…) selbst begründet. Kennzeichnend für die bürgerliche Aufklärung ist somit die strikte Trennung von Glauben und Wissen. Fortan soll alles (natur-) wissenschaftlich beweisbar sein. Dieses Wissen soll universell gültig sein und die Grundlage für Regeln und Normen einer Gesellschaft bilden. In dieser Zeit entsteht eine neue Vorstellung von Männlichkeit: die bürgerliche Männlichkeit. Diese definiert sich in Abgrenzung zu bäuerlichen, proletarischen und feudalen Männerbildern. Auch grenzt sich das bürgerliche Geschlechterbild von Frauen ab, die nicht bürgerlich sind. Die Mutterliebe wird erfunden und bildet den zentralen Unterschied zwischen einer bürgerlichen und einer nicht-bürgerlichen Frau. Unterschiedliche Fähigkeiten oder Unfähigkeiten von Männern und Frauen werden biologisch bzw. „wissenschaftlich“ begründet.
An einigen Gemälden aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert soll das Bild von Männlichkeit vor der bürgerlichen Aufklärung skizziert werden. Alle gezeigten Bilder stammen aus dem 14., 15., 16. und 17. Jahrhundert. Auf den meisten Gemälden fällt es uns schwer, überhaupt zu erkennen, dass es sich um männliche Modelle handelt. Die Jungs tragen Röcke, Federboas, Lackschuhe mit Absätzen, Rüschen und Spitzen besetzen ihre Kragen und Gewänder. Viele der Männer sind eher pummelig, keine Spur von vermeintlich männlichen, markanten Gesichtszügen. Die Bilder wirken aus heutiger Sicht völlig untypisch und für Männlichkeit uncharakteristisch. Heute würde man diese Männer als absolut feminine Männer bezeichnen. Der bürgerliche Mann hingegen interessiert sich nicht mehr für Mode, es gibt schliesslich wichtigere Dinge. Wissenschaft, Kultur und Politik sind die Aufgaben der bürgerlichen Männer.
Historisch kann man feststellen, dass sich das Männerbild mit der bürgerlichen Aufklärung verändert, wobei ein Rückgriff auf das Männerbild in der griechischen Antike eindeutig scheint. Der bürgerliche Mann diszipliniert seinen Körper und hat ihn fest im Griff. Er zeichnet sich durch Autonomie, Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung aus. Fortan sind Menschen (Männer…) für ihr Handeln selbst verantwortlich und sind in diesem Sinne auch schuldfähig. Autonomie bedeutet wörtlich übersetzt „selbst Gesetz geben“. Kant sagt, bestimme deinen Willen so, dass es auch ein allgemeines Gesetz sein könnte. Die Männer sind fortan autonome Subjekte, die für ihr Handeln selbst verantwortlich sind und sich disziplinieren. Subjekt sein heisst eigentlich, sich einer allgemeinen Norm zu unterwerfen. Diese Normen können sich z.B. auf den Körper oder die Sexualität beziehen. Die Männer sollen ihren eigenen Körper und ihre eigene Sexualität beHERRschen.
Mit der bürgerlichen Aufklärung entwickeln sich auch der Sport, die Jagd (als Freizeitbeschäftigung für Männer) und die Wehrpflicht. Ab dem 19. Jahrhundert wird in den meisten westlich kapitalistischen Staaten die allgemeine Militärpflicht eingeführt. Männlichkeit definiert sich fortan über Fitness, Sport, Militär/Krieg und das Berufsleben. Die Männer sind berufstätig, die Frauen bleiben Zuhause. Man spricht von der Einschliessung der Männer in das öffentliche und der Einschliessung der Frauen in das private Leben. Vor der bürgerlichen Aufklärung waren Privilegien wie z.B. ein Studium zu absolvieren von der ständischen Zugehörigkeit, nicht aber in erster Linie vom Geschlecht abhängig. Im 18. Jahrhundert entsteht der westliche, bürgerliche Geschlechterdiskurs, der zu einer bürgerlichen, hierarchischen, patriarchalen Geschlechterordnung führt. Diese Entwicklung ist aufs Engste mit der Entwicklung der Rassentheorien und des Rassismus verbunden. Die Geschlechterordnung wird nicht mehr durch Religion oder Gott begründet, sondern durch die Biologie. Entsprechend gibt es auch Rassentheorien, die automatisch von der Biologie auf bestimmte Fähig- oder Unfähigkeiten anderer Rassen schliessen. Nach Robert Knox ist einer der Vertreter solcher Rassentheorien. So herrscht nun die Vorstellung, dass biologische Gegebenheiten die psychische Konstitution, die Intelligenz und Eigenschaften/Charakterzüge der Menschen bestimmen. Fazit: Nur der westliche, kapitalistische, bürgerliche, weisse, heterosexuelle Mann ist wirklich ein Mann und daher des Lebens würdig. Durch die Biologie werden somit auch die Position und die Stellung einer Person in der Gesellschaft bestimmt. Diese Entwicklungen führen zur Etablierung einer binären, hierarchischen Opposition bzw. einer Differenzierung zwischen Männern und Frauen, Weissen und Schwarzen. Der bürgerliche, weisse Mann ist der Massstab, das Subjekt, der Aktive, der rational Denkende und der Erzeuger von Kultur, Wissenschaft und Kunst. Die Frauen werden als Abweichung des männlichen Massstabes konstruiert, sie sind somit passive, emotionale, empfangende Objekte. Und dies von Natur aus. Während den Frauen die Familie und die Liebe von Natur aus heilig sind, müssen die Männer, um richtige Männer zu sein, in den Krieg ziehen, mathematisch begabt, gross und stark sein. In der gleichen Zeit entstehen auch die Märchen der Gebrüder Grimm, auf deren Geschlechterbilder wohl nicht näher eingegangen werden muss. Prinz und Prinzessin. Retter und Opfer…Dornröschen, Rapunzel, Schneewittchen…
Nun soll an einigen aktuellen Beispielen das gegenwärtige Männerbild skizziert werden. Allgemein kann man sagen, dass in den neuen Männerbildern gewisse Dinge aus dem bürgerlichen „Männlichkeitspaket“ nicht mehr vorhanden sein müssen, jedoch gibt es auch Dinge, die gleich geblieben sind. Vor zehn Jahren wäre es undenkbar gewesen, einen sich schminkenden Mann in der Werbung zu zeigen. Heute ist das schon eher möglich. Auch gibt es immer mehr Hygieneprodukte und Schönheitsartikel für Männer, dies wäre in der Tradition des bürgerlichen Männerbildes nicht möglich gewesen. Einerseits sieht man in der Werbung zwar immer muskulöse Männer mit durchtrainierten Fitnesskörpern (auch ein Rückgriff auf die griechische Antike), jedoch oft in Verbindung mit Hygiene- und Schönheitsartikeln. Männer rasieren sich, benutzen wieder Parfums. Es ist ein Spiel mit „femininen“ Elementen, welches die Männer aber dennoch nicht ihre Männlichkeit verlieren lässt. In diesem Sinne haben wir es mit einer neuen Art von Männlichkeit zu tun. Ein bezeichnendes Bild fand ich das Bild der argentinischen Fussballer, denen nachträglich ein Handtäschchen in die Finger montiert wurde. Denn dieses Bild zeigt doch auch auf, dass dem Wandel im Männerbild noch immer Grenzen gesetzt werden. Ich finde schon auch, dass es neue Männer- und Frauenbilder gibt, es ist nicht mehr (nur) das klassische, bürgerliche Mann-Frau-Bild. Dennoch denke ich, dass die meisten feminisierten Männer in der Werbung von der Gesellschaft trotzdem nicht als Männer, sondern eben als feminine Männer bzw. auch als Homosexuelle wahrgenommen werden. Natürlich, früher wäre dies niemals möglich gewesen, dennoch werden meiner Meinung nach Homosexuelle oder feminine Männer als Abweichung „richtiger“ Männlichkeit konstruiert, es werden nur gesellschaftlich auch andere Formen toleriert. Ich denke nicht, dass die Kapitalisten offener geworden sind für neue Geschlechterbilder, weil sie irgendetwas eingesehen haben. Meiner Meinung nach ist in den letzten Jahren einfach entdeckt worden, dass man durch das Anbieten von Schönheits- und Hygieneartikeln für Männer eine Menge Geld verdienen kann…
UniBas: "Geschlechterverhältnisse heute" bei Dr. Prof. Andrea Maihofer
In dieser Vorlesung geht es darum, eine kritische Analyse der Geschlechterverhältnisse im Kontext der gegenwärtigen Transformationsprozesse zu skizzieren. Zunächst einmal sollte erläutert werden, welche Beobachtungen zu einer Notwendigkeit einer solchen Skizze geführt haben bzw., warum andere Analysen als zu wenig kritisch eingestuft werden. Bei dem Text, auf den Bezug genommen wird, handelt es sich um Andrea Maihofer: Gender in Motion. Gesellschaftliche Transformationsprozesse – Umbrüche in den Geschlechterverhältnissen? Eine Problemskizze.
Im 19. Jahrhundert, im Zuge der Industrialisierung und der boomenden Wissenschaft, war der Glaube an einen stetigen Fortschritt der Wissenschaft „zum Besseren“ weit verbreitet. Dieser Glaube implizierte die Vorstellung, durch Forschung die ganze Gesellschaft analysieren und begreifen zu können bzw. sie aktiv mit –und umgestalten zu können. Heute hingegen werden gesellschaftliche Prozesse und Entwicklungen weder transparent wahrgenommen, noch haben wir das Gefühl, in sie eingreifen zu können. Dies liegt zum einen an dem schwindenden Glauben an die Verstehbarkeit gesellschaftlicher Prozesse, an die stetige Entwicklung einer Gesellschaft zum Besseren und zum anderen liegt es an den Folgen der „Wissensgesellschaft“. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde Wissenschaft als Instrument zur rationalen, demokratischen Gestaltung der Gesellschaft gedacht. Heute zweifelt man an der Fähigkeit der Wissenschaft, soziale Probleme zu lösen. Doch in der heutigen Zeit, in der soviel Wissen wie nie zuvor produziert wird, sind die Erwartungen an die Wissenschaft enorm hoch. Doch die Überfülle an Wissen scheint eher zu Intransparenz als zu einem besseren Verständnis der Gesellschaft zu führen. Das Wissen wird spezifiziert und selten in einen globalen Zusammenhang gestellt. Dieses Fehlen gesamtgesellschaftlicher bzw. globaler Analysen scheint seltsam, ist doch gerade die Globalisierung eine Entwicklung unserer Zeit. Da liegt es doch eigentlich auf der Hand, dass auch die Gesellschaftsanalysen „globalisiert“ werden müssen, denn ohne eine Idee gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen, ist eine aktive Gestaltung der Gesellschaft nur punktuell, aber nicht strukturell möglich. D.h., ohne Einbezug der Komplexität lokaler und globaler Transformationsprozesse, kann man die heutigen Entwicklungen der Gesellschaft nicht verstehen, doch für eine erfolgreiche Intervention von Seiten der Politik oder der Gesellschaft ist dies unabdingbar. Früher ging man davon aus, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse die Möglichkeiten der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft zur individuellen Lebensgestaltung bestimmen. Heute spricht man zwar von einem immer grösseren Individualismusniveau und grösseren Eigenverantwortung, doch haben viele immer mehr das Gefühl, handelsunfähig bzw. abhängig zu sein und nicht in gesellschaftliche Entwicklungen eingreifen zu können. Man spricht von der Rückkehr des Subjekts trotz der Rede von ökonomischen Sachzwängen, objektiven Notwendigkeiten und politischen Realitäten, welche durch menschliches Handeln nicht strukturell verändert werden können. Boltanski und Chiapello sprechen von einem neuen Subjekt als „individueller Akteur“ und nicht mehr als „Subjekt der Geschichte“. D.h., in ein und demselben historischen Prozess finden wir Paradoxien. Einerseits bekommen die Menschen die Chance, einen individuellen Lebensplan zu gestalten, andererseits wir genau diese Lebensplanung zur Pflicht und zur Bewährungsprobe, deren Scheitern oder Gelingen in der alleinigen Verantwortung des jeweiligen Individuums liegt.
Es wird heute eine starke Tendenz zur Naturalisierung der Gesellschaft festgestellt, was eine Intervention seitens der Gesellschaft unlogisch bzw. unmöglich erscheinen lässt, denn was natürlich ist, soll und kann nicht verändert werden. Die Tendenz zur Naturalisierung der Gesellschaft ist besonders in den Gender Studies sehr brisant, weil die Naturalisierung der Geschlechter bzw. der Geschlechterverhältnisse zur Reproduktion heteronormativer und patriarchaler Geschlechterordnung führt. In aktuellen Gesellschaftstheorien wird der Wandel in den Geschlechterverhältnissen im Zuge der Frauenbewegung und der zum Teil erlangten Gleichberechtigung von Männern und Frauen oft als Beispiel für den gegenwärtigen gesellschaftlichen Wandel herangezogen. Doch trotz der illustrativen Funktion von Geschlechterverhältnissen in Theorien anderer Fächer, bleiben sie sekundär und haben trotz ihrer zentralen Bedeutung keine Konsequenzen für die jeweilige Theoriebildung. Die Tatsache, dass Geschlechterverhältnisse Indikator für diagnostizierte Prozesse sind und die Geschlechterverhältnisse sich zudem dynamisierend auf gesellschaftliche Entwicklungen auswirken, bleibt scheinbar nicht so sehr beachtet. Eigentlich besteht ein Wechselverhältnis zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Entwicklungen in den Geschlechterverhältnissen. Der Text Gender in Motion. Gesellschaftliche Transformationsprozesse – Umbrüche in den Geschlechterverhältnissen? Eine Problemskizze sagt erstens, dass eine Veränderung in den Geschlechterverhältnissen eine allgemein, gesellschaftliche Veränderung hervorruft und umgekehrt und zweitens, fordert der Text folglich eine produktive Verbindung von Geschlechterforschung und Gesellschaftstheorie. Die Meinungen über die Wichtigkeit aktueller Transformationsprozesse in der Geschlechtertheorie bzw. auch in der Gesellschaft gehen weit auseinander. Manche sprechen von einer Revolution, andere sagen, das hätte es schon immer gegeben. Wieder andere sprechen von einer Restaurierung traditioneller Werte in neuem Gewand oder einer neuen Form der Geschlechterdifferenz durch Naturalisierung der Unterschiede. Doch das zentrale Merkmal gegenwärtiger Entwicklungen ist die paradoxe Gleichzeitigkeit dieser Phänomene.
Zusammengefasst plädiert der Text auf die Notwendigkeit breit angelegter gesamtgesellschaftlicher Studien aufgrund der wachsenden Komplexität im Zuge der Globalisierung und der beobachteten Entwicklungen, die implizit paradox sind. Nämlich historische Prozesse und Bewegungen, die nachträglich in ihr Gegenteil umschlagen. Hier möchte ich ein Beispiel bringen. Ziele der 68-er Bewegung und auch der Frauenbewegung waren u.a. mehr Individualität und die sexuelle Befreiung der Menschen. Das Problem, das jetzt durch genau diese Individualisierung der Gesellschaft entstanden ist, habe ich weiter oben rekapituliert. Auch habe ich mich gefragt, ob Frauen in den westlich kapitalistischen Staaten nach der Frauenbewegung nicht noch mehr über ihre Sexualität definiert wurden.
In der anschliessenden Diskussion ging es vor allem um die Frage, ob unsere Generation wirklich das Gefühl hat, Gesellschaft nur punktuell, aber nicht strukturell verändern zu können. Ausser einer Person, haben dies alle aktiven TeilnehmerInnen der Diskussion bestätigt. Ich bin auch der Meinung, dass das Verständnis von Gesellschaft je globaler, desto komplexer und schwieriger wird. Klar ist für mich auch, je komplexer die gesellschaftlichen Zusammenhänge und Prozesse sind, desto weniger habe ich das Gefühl, in sie eingreifen zu können1. Eine wirkliche, gesamtgesellschaftliche Analyse müsste im Prinzip alles miteinbeziehen. Ich weiss nicht, inwiefern dies möglich ist, zumal ich auch davon überzeugt bin, dass Wissenschaft nicht objektiv ist, sondern von bestimmten Grundannahmen ausgeht, die vielleicht zu hinterfragen wären. Gerade die Gender Studies scheinen mir in dieser Hinsicht fortschrittlich vorzugehen. Denn gerade die Nichthinterfragung von Geschlechterkonzepten in anderen Fächern ist ein Beispiel für zu hinterfragende Grundannahmen.
Doch selbst wenn eine gesamtgesellschaftliche Analyse, die der heutigen, globalen Gesellschaft gerecht wird, realisiert wird, wird Wissen trotzdem nicht objektiv wahr. Denn trotz aller Bemühungen kann meiner Meinung nach nie alles, was Gesellschaft formt und verändert, erfasst und begriffen werden. Auf diese Nichteinsicht in die menschlichen Grenzen, nicht alles systematisieren und objektiv analysieren zu können, bezieht sich meine Kritik. Und gerade darin sehe ich auch die grösste Hürde, eine solch gesamtgesellschaftliche Analyse so wenig subjektiv wie möglich zu halten. Denn "objektives Wissen" zu erlangen, scheint ja trotz aller Kritik an universalisierendem Wissen seitens der Gender Studies das allgemeine Ziel von Wissenschaft zu sein. Denn eine totalitär subjektivistische Theorieperspektive wäre zu komplex (es gäbe keine Kategorien mehr...endlich sind die Terroristen weg....) für einen Bevölkerungskontrollenapparat...
1 Ist ja irgendwie auch kein Wunder mit den an einigen Universitäten populären, postmodernen Theorien, dekonstruktiven Charakters.
Samstag, 15. November 2008
Zitate eines toten Autors
"... Das Recht über Leben und Tod läßt sich nur auf ungleichgewichtige Weise ausüben, und zwar immer auf Seiten des Todes. Die Wirkung der souveränen Macht auf das Leben ist erst von dem Moment an ausübbar, da der Souverän töten kann. ... Es ist das Recht, sterben zu machen oder leben zu lassen. ... Die Souveränität machte sterben und ließ leben. Nun tritt eine Macht in Erscheinung, die ich als Regulierungsmacht bezeichnen würde und die im Gegenteil darin besteht, leben zu machen und sterben zu lassen. "
"... Macht ist ein produktives Prinzip in der Gesellschaft. Sie bringt Wissen hervor, erschafft durch ihre Kontrolle das Individuum und ganze Institutionen und Techniken. ..."
"... Es gibt kein der Existenz und der Sprache gemeinsames System; aus einem ganz einfachen Grund, weil nämlich die Sprache und nur sie allein das System der Existenz bildet. ..."
"... Die Aufklärung, welche die Freiheiten entdeckt hat, hat auch die Disziplinen erfunden. ..."
"... Der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man einlädt, ist bereits in sich das Resultat einer Unterwerfung, die viel tiefer ist als er. Eine "Seele" wohnt in ihm und schafft ihm eine Existenz, die selber ein Stück der Herrschaft ist, welche die Macht über den Körper ausübt. Die Seele: Effekt und Instrument einer politischen Anatomie. Die Seele: Gefängnis des Körpers. ..."